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Revival Rock

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Revival Rock
Revival Rock, Eigenvertrieb, 2010
Aaron Arnold Lead Guitar, Vocals
Jeff Hamel Vocals, Guitar, Harmonica
Waid Hoyt Guitar, Vocals
Tyson Lickert Drums, Percussion
Randy Jackson Bass
Gäste:
Mark Fredson Piano, Organ, Clavinet
Paul Fressenden Saxophone (Slow Fade)
David George Trumpet (Slow Fade)
Joe Reineke Guitar (Sweet Little Thing & Come Clean)
Produziert von: Joe Reineke Länge: 46 Min 42 Sek Medium: CD
1. Ready To Go7. Sweet Little Thing
2. Son Of The Mountain8. Ounce Left Of Pride
3. Slow Fade9. Sugar In the Raw
4. Mercy Love10. Come Clean
5. Rocket Ride11. Good God Woman
6. Strange Fire12. To Help A Man

Ein Bekannter von mir verkauft Oldtimer, gebraucht (ja klar, Mann - daher der Name!) und aufgearbeitet. Neulich hat einer bei ihm einen Triumph TR3 gekauft, Baujahr irgendwann in den 50ern. Zwei Tage später steigt er in der Werkstatt meines Bekannten aus seinem Benz 300 und beschwert sich über den Triumph, von wegen schlechte Straßenlage, Federung, Lenkung, und überhaupt, das Ding führe ja gar nicht geradeaus, und erst die Lüftung - was der Scheiß den solle? Sagt mein Bekannter: "Pass ma' auf, Sägger, das ist ein Auto aus den 50ern. Aufgearbeitet überholt, aber eben mit der Technik aus den 50ern. Dein Benz ist von heute, also natürlich besser - aber das ist eben Retro, Vintage, und so weiter. Das wusstest Du doch!"

Recht hat er - und weil wir heute leben (um mal zum Thema Musik zu kommen), freuen wir uns über die Möglichkeiten, die moderne Studiotechnik bietet, Sounds aufzumotzen und zu verbessern. Und nutzen das.
Nun gibt es aber die reine Lehre, die da sagt, das Alte ist besser, irgendwie. Der warme Sound, der da durch die Benutzung der guten alten Röhren-Sonstwas und analoger Technik zustande kommt, der sei doch so gut und zu bevorzugen, weil: The Real Thing, so menschlich in all dieser entmenschlichten Welt.
Ich war möglicherweise einer der ersten, der laut gejubelt hat, als die CD aufkam: kein Geknackse und Geknister mehr, die CD relativ unempfindlich gegen Temperatur - wunderbar! Kein umständliches Abwischen des Staubs auf jeder Seite vor dem Abspielen, keine tonnenschweren Tonteller - das musste der Himmel sein. Und dann eben auch dieser wunderbar klare und direkte Sound. Gaaanz prima!
Folglich lässt mich ein Hinweis auf der vorliegenden CD, dass die alte analoge Technik benutzt wurde, ziemlich kalt; ja, ich befürchte schlimmes - aber dazu gleich mehr.
Es handelt sich um den Erstling einer Band aus Sonstwo in den USA, und der CD Titel ist natürlich Programm. Retro-Sounds par excellence, Songwriting wie erwartet - melodisch, im Classic-Rock-Stil, schön mit Gitarrensoli und auch mal einer Orgel verziert. Keine ewig lange Jams, der längste Titel ist sechs Minuten lang, kurz und knackig auf den Punkt. Was könnte die Welt schön sein.

Und in der Tat - Songs wie Sweet Little Thing, Ounce Left Of Pride und Sugar In The Raw mit netter Wah-wah Gitarreneinlage rocken irgendwo zwischen SKYNYRD, early phase, und CCR ganz gut, und auch das eingangsprogrammatische Ready To Go feuert auf allen sechs Zylindern, wenngleich es etwas lang geraten ist. Nicht zu vergessen der Soul-Hit Slow Fade, der mir allerdings, wenn ich Joe South hieße und den Titel Games People Play geschrieben hätte, irgendwie sehr bekannt vorkäme. Der Rest hoppelt mit mehr oder weniger demselben Rhythmus so vor sich hin, ohne weiter aufzufallen.

Aber auch die genannten Songs sind nun nicht die Überhits und reichen etwa an die Songs der Jungs um Zach Williams bei weitem nicht ran. Das Problem ist nämlich folgendes mit dem analogen Zeugs: mittelmäßige Songs wie die der SweetKisser hier fallen auf. Hast du einen relativ verwaschenen Sound, dem irgendwie der nötige Drive fehlt, hilft all die Wärme nischt - was du mit einer scharfen Digi-Produktion zum Teil Wett machen kannst, fällt hier auf dich zurück. Und komme mir keiner mit 'ehrlich' - hilft mir nix, wenn mir die Platte ehrlich nicht gefällt, weil ihr die rockige Schärfe abgeht.
Das Überdrehte moderner Produktionen mit all der Loudness und dem Einheitssoundbrei wollten die Jungs nicht? Tja, prima - aber dann muss man was am Songwriting tun. Ist jetzt nicht total schlecht, die CD, und wer diese warmen Töne mag, dem sei sie ans Herz gelegt, aber eine unumwundene Empfehlung kann ich nicht aussprechen.

Dietrich Gastrock, (Artikelliste), 18.07.2010

Doch, "Revival Rock" kann, nein, muss man empfehlen. Nicht wegen dem Albumtitel, "Revival Rock" ist ein eher kontraproduktiver Name, sondern wegen der Musik. Und wegen dem Sound. Und wegen dem folgenden Bild, das ganz bestimmt nicht "sonstwo in den USA", sondern garantiert im tiefsten Süden aufgenommen wurde. Vermutlich im tiefsten Süden Bayerns, südlich von Bad Tölz, wo der schöne Fluss Isar noch wild und ursprünglich ist.

SweetKiss Momma

Einverstanden, Bad Tölz (17.635 Einwohner) liegt in diesem Fall im Staat Washington nahe Seattle und heißt Puyallup (18.870 Haushalte und ein paar mehr Bewohner und im gleichen County wie Tacoma, woher die beste Southern-Band der Neuzeit stammte: REBEL STORM), aber das ist erstmal völlig egal, denn SWEETKISS MOMMA ist keine Großstadtband, dieser Fünfer ist ein Fall für uns Naturburschen - aus dem Süden oder Osten, womöglich sogar aus dem Nordwesten. SWEETKISS MOMMA ist auch keine Coverband, wie so viele uns vorgesetzte (vorwiegend ältere) Bands aus der amerikanischen Provinz. SWEETKISS MOMMA sind fünf halbwegs junge Typen, die man vielleicht mit dem Attribut "wertkonservativ" bezeichnen kann, auf keinen Fall jedoch als tumbe Retro-Witzfiguren, die doof wie Brot Sweet Home Alabama intonieren, ignorierend, dass sie aus Washington kommen und mit Alabama in aller Regel so viel zu tun haben wie wir Südstaatler aus Bayern mit Mecklenburg-Vorpommern.
Ach so, ja, Coverband. Slow Fade ist natürlich eine ganz dreiste Adaption von Games People Play, aber im Gegensatz zur Version der GEORGIA SATELLITES wird hier nicht der Boogie bemüht, die pfiffigen Mamasöhnchen machen einen Kleinstadt-Reggae mit Trompete, Saxofon und Sonnenaufgang-Leadgitarre daraus. Frech, aber saugut. Und wenn sie shuffeln, wie zum Beispiel in Mercy Love, und wenn dazu eine Gitarre aus dem Fuzz'n'Wah-Wah-Nebel auftaucht, ja dann… wartet man nur noch auf das Clavinet, das ein kleines aber ganz gemeines Solo jault.

Recht hat der Kollege da oben, der übrigens aus der Mitte Deutschlands kommt, mit seinem Einwand bezüglich des Sounds der CD. Analog ist das schon, aber man muss verdammt laut machen, damit es einen im Magen trifft. Andererseits sprechen wir von Rock & Roll, bitte wer hört den leise? Also Regler nach rechts, dann rührt die Kapelle auch ordentlich um. Warum "Revival Rock" unter dem Kopfhörer nicht funktioniert, ist noch unerforscht. Es wird wohl eine Frage des Aufnahmebudgets sein. Das Ding knallt wirklich nur richtig mit dem großen Boxen-Besteck auf Stadtteillautstärke. Aber dann mächtig.
Balladen wie Strange Fire, To Help A Man oder Come Clean müssen gar nicht knallen, da reicht die überaus geschmackvolle Anrichteweise der Gesänge und der dezenten Gitarren, schon hat man klassische amerikanische Rockmusik mit einer wunderschönen Melodie, gerne im Stil der Südstaaten, immer ohne aufgesetztes Country-Gejaule. Der Leadgesang von Jeff Hamel ist durchgehend unaufdringlich und angenehm, der Einsatz von zwei Rhythmusgitarren zur Sologitarre von Aaron Arnold erweist sich als Druck fördernde Maßnahme und die fast durchgehende Hinzunahme des Keyboarders Mark Fredson rundet die Songs perfekt ab. Kommen dann noch kleine Spielereien wie die Talkbox bei Sugar In The Raw hinzu, hat man vollkommen zeitlose Rock-Kleinodien, die hörbar von einer starken Band stammen. Insofern führt sich der Albumtitel selbst ad absurdum, denn gute Musik hat nichts mit einem Revival zu tun, höchstens mit Können und Geschmack.

Ein kleiner Kritikpunkt ist allenfalls, dass in der zweiten Hälfte der CD das Tempo beständig abnimmt. Noch eine oder zwei flotte Nummern wie Ready To Go oder Sweet Little Thing (famose Gitarre!) würde man sich wünschen. Andererseits haben die meisten Songs genug Tiefgang, um mangelnde Geschwindigkeit mit Druck auszugleichen. Son Of The Mountain ist auch kein Speed-Rocker, avanciert aber dank des cleveren Arrangements zum eigentlichen Höhepunkt von "Revival Rock". Ergo: Unumwundene Empfehlung. Aber nur für Leute, die bedingungslos auf Rockmusik stehen, die zwar inklusive dem Sound vollkommen bar jeder modernistischen Einflüsse ist, trotzdem nicht nach A, B, C oder LYNYRD SKYNYRD klingt, sondern sich eher an anderen jungen Bands wie MEDUSA STONE misst. Hört mal Rocket Ride, das ist nicht nur funky und könnte vom guten alten Randy Bachman gesungen sein, es ist auch noch keiner anderen Band jemals eingefallen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 20.08.2010


 
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